Waterman S. Body hatte seine Waffe immer schußbereit und er zog diese im Zweifel auch sehr schnell. Für einen Goldgräber in Kalifornien war das damals überlebensnotwendig. Trotzdem reichten diese Fertigkeiten auch nicht immer aus. Waterman selbst, manchen auch bekannt unter dem Namen William S. Bodey, konnte zum damaligen Zeitpunkt noch nicht wissen, wie sehr seine Goldgräbertätigkeit das Leben in einem bestimmten Ort an der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada verändern würde. Als die Goldvorräte im westlichen Teil der Sierra Nevada schön langsam zur Neige gingen, folgte Body seiner Intuition und machte sich voll Hoffnung auf, an Orten zu schürfen, an denen noch niemand zuvor sein Glück versucht hatte. Seine Intuition führte ihn nach Mono County, in die Berge östlich der Sierra Nevada. Im Jahre 1859 schließlich stieß er dort auf Gold, und zwar auf viel Gold. Body wurde mit der Goldmine quasi über Nacht unermesslich reich.

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Das Ende der Beschaulichkeit

Die Erschließung der Goldmine führte dazu, dass es mit dem Frieden und der beschaulichen Ruhe in diesem idyllischen Landstrich nahe dem berühmten Yosemite Park rasch vorüber war. Schon bald fanden sich weitere Goldgräber, Spekulanten, Glücksspieler, Hasardeure und andere zwielichtige Gestalten in Mono County ein. Rasch entstand durch den steten Zuzug eine kleine Stadt, die in ihrer Blütezeit an die zehntausend Einwohner hatte. Das Leben in dieser Gegend war hart, das raue Klima wird hier – auf mehr als 1.500 Meter Seehöhe – dominiert von der Wüste. Am Fuße der Berge wuchs eine Siedlung von bis zu zweitausend Gebäuden, die aus den für die Region typischen Holzbauten bestand. Die Stadt wurde nach Waterman S. Body kurzerhand Bodie genannt. Die leicht abweichende Schreibweise ist angeblich auf einen Schildermaler zurückzuführen, der sich verschrieben hat. So besagt es zumindest die Legende. Die offizielle Version der Geschichte besagt, die abweichende Schreibweise sei Absicht gewesen, um eine falsche Aussprache als „body“ (also Leiche) zu vermeiden.

Als die Stadt ihren Namen erhielt, war ihr Namensgeber Waterman S. Body schon längst tot. Das Leben eines Goldgräbers zur damaligen Zeit war sehr gefährlich und meist nur sehr kurz. Dennoch starb Body einen für einen Goldgräber eher ungewöhnlichen Tod: Er erfror ganz banal in einem Schneesturm, der ihn überraschte, als er Vorräte von der Stadt nach Hause bringen wollte. So war es ihm nur wenige Monate lang vergönnt, seinen neu erworbenen Reichtum zu genießen. Er starb Ende 1859.

Harte Winter sind in dieser Gegend nichts Ungewöhnliches. Das Sägewerk in Bodie produzierte Brennholz quasi am laufenden Band. Die in aller Eile errichteten Häuser waren von schlechter Qualität und konnten kaum Wärme speichern. Um sich darin irgendwie warm zu halten benötigte man Unmengen von Brennholz für Herde und Öfen. Viele der neu zugereisten Goldgräber waren für derart harte Winter nicht ausgerüstet. Ohne ausreichend warme Kleidung starben viele an Krankheiten und Unterkühlung.

Die Standard Mine

Der Name Bodie wurde schon bald zum Synonym für die harte Arbeit in den Minen, von denen es einige in der unmittelbaren Umgebung der Stadt gab. Die größte davon wurde von der Standard Company betrieben, hieß daher die Standard Mine. Nach einigen Besitzerwechseln überlebte sie sogar die Pleitewelle, im Zuge derer viele andere Minen ihren Betrieb einstellen mussten. Die Standard Company verwendete zur Goldgewinnung das Verfahren der Cyanidlaugerei. Einer der Spezialisten, die damit arbeiteten, wurde sogar in Deutschland ausgebildet. Das Unternehmen überlebte alle anderen Minen in Bodie, nicht zuletzt dank einer neuen Erfindung. Außerdem war man eine der ersten Firmen, die den Strom aus einem nahen Wasserkraftwerk nutzte. Nach heutigem Standard war die damalige Technologie allerdings ziemlich primitiv.

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Der Ort des Verbrechens

Im Sog der vielen Goldgräber entstand auch ein Rotlichtviertel in Bodie – in der Blütezeit der Stadt gab es weit mehr als sechzig Saloons, Spiellokale und Bordelle. Es gab natürlich auch eine eigene Bank, eine Kirche, die Sägemühle, verschiedenste Geschäfte und eine Wäscherei. Die Stadt genoss einen mehr als zweifelhaften Ruf. Reverend F. M. Warrington bezeichnete die Stadt als “Sündenpfuhl, in dem Lust und Leidenschaft das Maß der Dinge sind”. Gewalttätigkeiten, Schießereien, Mord und Totschlag sowie Überfälle und Raufereien standen auf der Tagesordnung. Die Glocken, die den Toten heim läuten, hörte man oft mehrmals am Tag. Überliefert ist das Zitat eines kleinen Mädchens, das mit seinen Eltern nach Bodie ziehen sollte und in sein Tagebuch schrieb: „Good-bye God, I’m going to Bodie!“ („Auf Wiedersehen Gott, ich ziehe nach Bodie!“). Dieser Sager wurde bald zum ungeschriebenen Slogan der Stadt, die alle Arten von kriminellen Elementen und unsauberen Machenschaften anzog. Der Begriff “Bad man of Bodie” wurde in den USA bald zur Legende. Verantwortlich dafür war angeblich ein Mann namens Tom Adams, auch bekannt unter “Washoe Pete”. Es ist aber auch möglich, dass es sich lediglich um einen fiktiven Charakter handelte. Alles Schlechte war in der Gegend anzutreffen: schlechte Menschen, schlechter Whiskey, schlechtes Wetter.

Nicht nur die Stadt selbst, auch der stadteigene Friedhof wurde rasch größer – bei der großen Anzahl von Gewaltverbrechen, Schießereien und Morden auch kein Wunder. Nur die angesehensten Einwohner der Stadt fanden ihre letzte Ruhestätte innerhalb der Friedhofsmauern, alle anderen wurden außerhalb verscharrt. Der Begründer der Stadt, Waterman S. Body, bekam ein Grab innerhalb der Mauern, allerdings ohne Grabstein. Erst viele Jahre nach seinem Tod wurde man sich seiner Bedeutung bewusst und er bekam einen marmornen Grabstein mit einer Gedenkplakette.

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Die Geisterstadt

Goldgräberstädten war, genauso wie den Goldgräbern selbst, meist kein langes Leben beschieden. Seine Blütezeit hatte Bodie zwischen 1859 und 1879, zu dieser Zeit hatte die Stadt die meisten Einwohner. Als die Goldvorkommen immer geringer wurden, wuchs rasch die Arbeitslosigkeit. Viele Menschen verließen die Stadt und zogen weiter in die vielversprechenderen Orte Aurora, Nevada und Virginia City. Heute ist Bodie nur mehr eine typisch amerikanische Geisterstadt im früheren Wilden Westen. Ein Großbrand im Jahre 1892 zerstörte einen Großteil der Häuser. Was nach diesem Brand übrigblieb wurde dann im Jahr 1932 von einem Buben, der mit Streichhölzern hantierte, erfolgreich abgefackelt. Dieses zweite große Feuer versetzte der Stadt den endgültigen Todesstoß. Heute ist Bodie eine einzige große Ruine, die unverändert genau so dasteht, wie der letzte Einwohner sie in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts verlassen hat. Lediglich fünf Prozent aller Gebäude aus dem Jahr 1879 stehen heute noch.

Bodie heute: immer noch einen Besuch wert

Zu besichtigen gibt es in Bodie die bis zum heutigen Tag erhaltene Methodistenkirche sowie das Wohnhaus von James Stuart Cain, einem Gesellschafter der Standard Company. Ursprünglich hatten Cain und sein Partner nur einen Teil der Mine vom Unternehmen befristet gepachtet. Innerhalb von drei Monaten schürfte er Gold im Wert von neunzigtausend Dollar, danach übernahm er die gesamte Company, nicht zuletzt durch juristische Tricks bei Gericht. Andere noch erhaltene Gebäude sind die Schule, das Feuerwehrhaus, Gebäude der Standard Company, das Wheaton und das Hollis Hotel, das Postgebäude in der Hauptstraße, die Odd Fellows Lodge, das Gewerkschaftsgebäude, die Leichenhalle und noch einige andere.

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Der Stamm der Paiute

Am schwersten traf die Gründung von Bodie wohl die ansässigen Ureinwohner, die Paiute Indianer, die hauptsächlich von der Jagd, Fischerei, dem Beerensammeln und Körbeflechten lebten. Aufgrund der vielen neuen Zuwanderer wurde ihr Lebensraum immer mehr eingeschränkt, ihre Nahrungsquellen geringer. In den umliegenden Wäldern wurden von den Siedlern die Bäume gefällt, Wild gejagt und Wiesen und Flur durch Weidehaltung zerstört. In den Wäldern gab es immer weniger Wild und Beeren. Viele Indianer passten sich an und fanden Arbeit in der Stadt oder in der Kalkbrennerei nahe dem Mono See, alle anderen mussten wegziehen und sich einen neuen Lebensraum suchen.

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Der Speiseplan der Indianer war weit einfallsreicher als man vermuten würde. Sie ernährten sich unter anderem auch von Fliegenlarven und Salzwasserkrebsen aus dem nahen Mono See. Besagter Mono See kam am 2. Dezember 2010 zu weltweiter Bekanntheit, als die NASA eine außergewöhnliche Entdeckung bekannt machte.

Außerirdische entdeckt?

Die Wissenschafter der NASA landeten mit ihrer Veröffentlichung einen Coup. Die Wissenschafterin Felisa Wolfe-Simon ähnelt in mancherlei Hinsicht dem Goldgräber Body. Zwar nicht wegen einer schußbereiten Waffe, die sie in Rekordzeit aus dem Halfter zieht, dafür aber aufgrund ihrer Entdeckung, die für gleich großes Aufsehen sorgt wie Bodys seinerzeitige Entdeckung der Goldmine. Sie untersuchte den Schlamm des Mono Sees, nur einige wenige Kilometer entfernt von Bodys alten Schürfgründen. Was sie fand, war erstaunlich: einen zwar nicht außerirdischen, aber doch sensationellen Bakterienstamm: GFAJ-1, so heißen die kleinen Kerlchen, substituieren Phosphor mit Arsen. In Wissenschaftskreisen gilt diese Entdeckung als Sensation, in etwa vergleichbar mit Darwins Evolutionslehre. Seit sich die Wissenschaft auf die Suche nach außerirdischem Leben begeben hat, kam man noch nie auf die Idee, in lebenden Organismen nach Arsen zu suchen, der Phosphor substituiert. Diese neuen Erkenntnisse verändern die Herangehensweise zukünftiger Suchen nach Beweisen für extraterrestrisches Leben. Es wäre sogar denkbar, dass man bis dato manche Lebensformen übersehen hat. Dies könnte sich nun, nach der Entdeckung im Monosee, durchaus ändern.

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Giftbrühe Salzsee

Außer den bereits erwähnten Fliegenlarven und Salzwasserkrebsen leben keine anderen Fische oder Tiere im See. Trotzdem ist der See bevorzugter Rastplatz von Millionen von Zugvögeln, die hier auf ihrer langen beschwerlichen Reise Zwischenstopp machen, um sich an den Fliegenlarven uns Krebsen zu delektieren.

Der Mono See ist mit circa 700.000 Jahren einer der ältesten Seen der Welt. Er erstreckt sich über eine Fläche von 155 Quadratkilometern und liegt 1.950 Meter über dem Meeresspiegel. Mit seinen bizarren Kalktuff-Formationen, die aus der Wasseroberfläche hervorragen, lockt er jährlich viele Touristen und auch Wissenschafter an. Die Formationen entstanden vor langer Zeit, durch unterirdische Quellen, die Wasser mit gelöstem Calciumbarbonat nach oben transportierten. Ursprünglich waren die Gebilde nicht sichtbar, durch die Absenkung des Wasserspiegels ragten sie über die Wasseroberfläche hinaus. Der Wasserspiegel sank einerseits durch natürliche Verdunstung, andererseits auch durch den ständig steigenden Wasserverbrauch von Los Angeles. Heute hat der See nur noch ein Fünftel seines ursprünglichen Volumens. Und das ist nicht alles: das Wasser des Sees ist mittlerweile dreimal so salzhaltig wie Meerwasser!

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Rettet die Schätze Kaliforniens

Auf den ersten Blick wirkt der Mono See wie eine bizarre Landschaft auf einem fremden Planeten. Man kann sich gut vorstellen, dass es so in der Hölle aussehen muss. Das einzige, was dazu noch fehlt, wäre der Teufel selbst, mit seinem Pferdefuß, dem Schwanz und der Gabel in der Hand. Die abgeschiedene Gegend rund um den See mit der Sierra Nevada im Hintergrund ist ein einzigartiger Anblick. Darum wurde hier auch ein Touristenzentrum gebaut mit einer beachtlichen Ausstellung über die Fauna und Flora der Umgebung, sowie einem Überblick über die Geschichte der einstmals hier ansässigen Ureinwohner, der Paiute Indianer. Auch über das Leben der Siedler während der vergangenen Jahrhunderte erfährt der interessierte Besucher manch Wissenswertes.

Im Jahr 1984 wurden der Mono See mit dem umliegenden Gebiet und auch die Geisterstadt Bodie vom US-Kongress zum Kultur- und Naturschutzgebiet erklärt. Damit wollte man wohl die einzigartige geologische und landschaftliche Beschaffenheit sowie das kulturelle Erbe der Gegend schützen. Die Versuche einer kanadischen Firma, die Goldmine über der Geisterstadt wieder in Betrieb zu nehmen, wurden somit erfolgreich vereitelt.

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All die Gauner und Schurken von Bodie betrachten mittlerweile die Gänseblümchen von unten. Wird jetzt auch noch der Monosee zu einem verlassenen „Geistersee“, so wie Bodie zur Geisterstadt wurde? Werden auch die “außerirdischen” GFAJ-1 Bakterien im wahrsten Sinn des Wortes untergehen, oder werden sie ein neues Kapitel auf der Suche nach extraterrestrischem Leben in einer irgendwo am Rande unseres Universums angesiedelten Galaxie schreiben?

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