In der Ferne sehen wir kleine schwarze Punkte, die sich langsam über die schneebedeckte Landschaft auf die Stadt Elmira zu bewegen. Das Ganze sieht aus wie eine Ameisenstraße. Als wir uns mit dem Auto der Ameisenstraße nähern, stellt sich heraus, dass die kleinen Ameisen in Wahrheit Pferdekutschen und Fuhrwerke sind, in denen Menschen in altmodischer Kleidung sitzen. Wir freuen uns, immerhin hat man nicht immer die Gelegenheit, einen Filmdreh zu sehen. So ein historischer Film, das hat schon was. Wir versuchen einen Kameramann oder gar den Regisseur zu erspähen, leider erfolglos. Keine Kameras oder technisches Equipment zu sehen. Langsam bemerken wir unseren Irrtum. Hier wird gar kein Historienfilm gedreht, hier schreibt vielmehr das tatsächliche Leben das Drehbuch. Hier, in St. Jacobs, Elmira und Elora im kanadischen Ontario, taucht man in die Welt der Mennoniten ein. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein, das Alltagsleben wird dominiert von harter Arbeit. Die Mennoniten sind sehr fromme und zurückgezogene Menschen, die sich der modernen Zeit bewusst entziehen.

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Die Täufer oder Anabaptisten

Die Geschichte der Mennoniten wurzelt in der Täuferbewegung von Menno Simons, der somit zum Namensgeber der Mennoniten wurde. Seine Anhänger kamen aus den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz. Er war einer der führenden Vertreter der Täuferbewegung: Die Taufe sollte ausschließlich erst dann praktiziert werden, wenn die zu Taufenden sich bewusst für den Glauben entscheiden konnten. Somit konnten nur Erwachsene, nicht jedoch Kinder getauft werden. Dies waren natürlich für die damalige Zeit radikale Ansichten. Nicht nur die großen Kirchen, auch die Regierenden starteten bald eine umfassende Verfolgung und Hetzjagd auf die Mennoniten, die sich jeglicher staatlicher Kontrolle entziehen wollten und sich auch kategorisch weigerten, für den Staat in den Krieg zu ziehen. Zuerst flohen die Mennoniten in liberalere Staaten innerhalb Europas, vor ungefähr vierhundert Jahren emigrierten viele von ihnen nach Nordamerika.

Mit Ochsenkarren über die Berge

Die ersten Mennoniten siedelten sich 1683 in Pennsylvania und ungefähr hundert Jahre später im kanadischen Ontario an. Einerseits waren sie auf der Suche nach neuen landwirtschaftlichen Flächen, andererseits getrieben von der Angst, für die Amerikanische Republik in den Krieg ziehen zu müssen. Den mehr als hundert Kilometer langen beschwerlichen Weg über die Berge, durch Wälder und schließlich über den Niagara legten sie mit Ochsenkarren zurück. Wo auch immer sie sich niederließen, waren sie bald bekannt als die “Eigenbrötler vom Land”. Sie lebten vorwiegend in kleinen geschlossenen Siedlungen und blieben am liebsten unter sich.

Im Gottesdienst

Am Sonntagmorgen machen wir uns von Toronto aus sehr früh auf nach Kitchener, zur Mittagszeit warten wir bereits am vereinbarten Treffpunkt in St. Jacobs. Del, ein ziemlicher liberaler Mennonit, ermöglicht es uns, an einem mennonitischen Gottesdienst teilzunehmen. Das Gotteshaus steht mitten in einem großen Feld und sieht nicht wirklich wie eine Kirche aus – eher wie ein großes Wohnhaus. Die Mennoniten selbst verwenden das Wort Kirche ohnehin nicht gerne. Zum Gottesdienst selbst sind nur Mitglieder der Gemeinschaft zugelassen, wer nicht zur mennonitischen Gemeinschaft gehört, darf nur mit einer besonderen Einladung und Genehmigung daran teilnehmen.

Wir parken unser Auto weit draußen, auf dem Platz vor dem Gotteshaus sind nur Pferdekutschen erlaubt. Die Pferdestärken unter unserer Motorhaube gelten hier nicht, so einfach ist das. Wir betreten das Gotteshaus durch den Hintereingang, dennoch ernten wir von den bereits Anwesenden aus den vorderen Reihen neugierige Blicke. Wir nehmen in den hinteren Reihen der Jungenbänke Platz. Frauen, Männer, Jungen und Mädchen sitzen hier in jeweils eigenen Bereichen. Die Frauen links, die Männer rechts, die Mädchen links in der Mitte und die Jungen rechts in der Mitte. Es gibt keinen Strom oder elektisches Licht, auch keine moderne Heizung. Lediglich zwei Holzkohleöfen sorgen für etwas Wärme.

Die Jungen treffen nach und nach ein, nehmen alle ihre traditionellen schwarzen Mützen ab, hängen diese mit geübtem Griff an der Garderobe neben der Tür auf und nehmen in den Sitzreihen Platz. Alle tragen sie die gleiche Kleidung, wie aus einem Modekatalog aus dem 19. Jahrhundert: schwarze Hosen mit Hosenträgern, ein weißes Hemd mit dunkler Krawatte und eine Jacke. Die Mädchen sitzen wie aufgefädelt in ihren Sitzreihen: sie alle tragen ähnliche Kleider in schwarz, blau oder violett mit einem dezenten Muster. Die Männer sind gekleidet wie die Jungen, die Frauen tragen ihre traditionellen Hauben.

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Vier Seelsorger und ein Gottesdienst

Vier Seelsorger betreten die Kirche und nehmen auf einer langen Bank, die den jungen Gläubigen zugewandt ist, Platz. Wesley, ihr Vorsitzender, ist so etwas wie ein Pfarrer und für die Kirche verantwortlich. Der zweite Seelsorger kommt aus dem benachbarten Elmira, der dritte ist zugleich Schatzmeister der Pfarrgemeinde und der vierte schließlich der Diakon. Der Gottesdienst dauert üblicherweise mehrere Stunden, es gibt keine Musikinstrumente, nicht einmal eine Orgel. Die Gebete und Gesänge stehen auf Altdeutsch in Textbüchern, die in jeder Sitzreihe aufliegen. Der Gottesdienst selbst wird in einem deutschen Dialekt abgehalten. Da Wesley aber wusste, dass wir an diesem Tag daran teilnehmen würden, hat er sich entschlossen, den Gottesdienst ausnahmsweise auf Englisch zu halten. Um uns nicht zu überfordern, hat er den Gottesdienst außerdem auf nur eineinhalb Stunden verkürzt. Es gibt keine Lobpreisung Gottes, man bekreuzigt sich auch nicht. Während des Gottesdienstes geschieht es zweimal, dass sich plötzlich alle umdrehen und niederknien. So vertiefen sich alle in ein stilles Gebet.

Dann ist der Gottesdienst vorüber. Die Frauen und Mädchen verlassen das Gotteshaus durch einen eigenen Ausgang und warten auf die Männer und Väter, die die Pferde wieder vor die Kutschen spannen. Eine derartige Prozession von Pferdekutschen auf der staubigen Landstraße ist schon ein wahrlich ungewöhnlicher Anblick. Durch die Art und Weise, wie sie im Konvoi fahren, signalisieren sie nach außen hin Einigkeit und Geschlossenheit.

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Bitte zu Tisch!

Nach dem Gottesdienst folgen wir Wesleys Pferdekarren wie vereinbart mit dem Auto. Wesley ist nicht nur ein Vertreter seines Glaubens, er ist in erster Linie auch Landwirt. So ist das bei den Mennoniten: Kirchenämter werden bei ehrenamtlich, auf Lebenszeit und natürlich unentgeltlich ausgeübt.

Endlich angekommen betreten wir ein kleines Haus inmitten der anderen Gebäude. Esther, Wesleys Frau, bittet zu Tisch. Die Mahlzeiten werden ausschließlich von den Frauen zubereitet, in diesem Fall von Esther, ihrer Tochter sowie der Großmutter. Gemeinsam mit den Männern setzen wir uns in einem kleinen Raum zu Tisch. Der Raum verbreitet das Flair eines Wartezimmers. Wir sprechen über den Lebensstil der Mennoniten, ihren Glauben und ihre Gesellschaftsstruktur. Vor allem auch ihre Sprache ist interessant: Die Alltagssprache der Mennoniten ist ein alter deutscher Dialekt, der sich Plautdietsch nennt.

Gastfreundschaft ist den Mennoniten ganz besonders wichtig. Die Mahlzeiten sind zwar einfach, aber ausgezeichnet. Bei einer Speise sind wir uns nicht ganz sicher, was es denn sei, aber Esther erklärt uns, dass es sich schlicht und ergreifend um eine Art Kartoffelpüree handelt.

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Mobilität einmal anders: Zu Pferde statt im Auto

Mit dem Auto dauert die Fahrt von St. Jacobs nach Elmira circa fünfzehn Minuten, mit dem Pferdegespann braucht man dafür schon eine gute Stunde. Das kommt der Lebenseinstellung der Mennoniten entgegen, sei möchten ihr Leben in Ruhe genießen. „Wenn man mit dem Auto unterwegs ist, kann man gar nicht schnell genug schauen. Alles fliegt so rasch vorüber, dass man kaum dazu kommt, einen Anblick zu genießen oder die anderen Mitreisenden auf interessante oder schöne Dinge aufmerksam zu machen. Das ist einfach kein Genuss“, philosophiert Wesley.

Ein Pferd kostet circa 1.500,- Dollar, ein wirklich gutes bekommt man kaum unter 2.400,- Dollar. „Obwohl wir zwar alle reiten können, bedeutet das noch lange nicht, dass wir uns alle gut mit Pferden auskennen“, erläutert unser Gastgeber.

Die Familie und die Gemeinschaft sind den Mennoniten das Wichtigste. Wenn man als Mennonit Probleme hat, dann hilft die Gemeinschaft weiter, sowohl moralisch als auch finanziell. Obwohl es bei der Gläubigentaufe eigentlich so ist, dass man sich erst als Erwachsener ganz bewusst für den Glauben entscheiden kann, werden bei den heutigen Mennoniten bereits die jungen Glaubensmitglieder getauft, alles andere wäre eine Schande für die Familie. Seinen Lebenspartner sucht und findet man ausschließlich innerhalb der Gemeinschaft, auch die Rollenaufteilung bei den Mennoniten ist sehr traditionell: Die Männer kümmern sich um die Landwirtschaft, die Frauen um die Arbeit im Haus, sei es nun Kochen, die Vorratswirtschaft, Nähen und Sticken oder die Erziehung der Kinder. Und bei einer durchschnittlichen Anzahl von sieben Kindern pro Familie ist das wahrlich nicht wenig Arbeit.

Gott lenkt alles

Als wir über den Markt schlendern, würden wir gerne eine Frau fotografieren, dies wird uns jedoch höflich aber sehr bestimmt verwehrt. Später erklärt man uns, dass die Mennoniten sich nicht gerne freiwillig fotografieren lassen. Eine Person, die sich fotografieren lässt, gilt als eitel und egoistisch.

Die Mennoniten sind davon überzeugt, dass die einzige Instanz Gott ist und nicht der Staat. Diese feste Überzeugung leben sie auch, mit allen Konsequenzen. Sollte einmal die staatliche Gesetzgebung ihrem Glauben widersprechen, dann steht immer der Glauben an erster Stelle. Dafür nehmen sie auch Nachteile und Leiden in Kauf. Sie anerkennen den Staat nicht, lehnen dafür aber auch jegliche staatliche Hilfe und Unterstützung ab. Statt der üblichen Sozialversicherungsnummer haben die Mennoniten es durchgesetzt, zumindest in Kanada in einem eigenen System der Registrierung erfasst zu werden. Die Mennoniten weigern sich, in das staatliche Rentensystem einzuzahlen, sie verzichten aber auch auf Rentenzahlungen. Auch sonst leisten sie keine Sozialabgaben. Eine Unterschrift ihres Bischofs ermöglicht ihnen das Führen eines Waffenscheines ohne Foto, und eine Bestätigung ihres Diakons entbindet sie von der sonst verpflichtenden Geschworenentätigkeit. Die Mennoniten sind also beinahe so etwas wie moderne Dissidenten.

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Die Universität der Mennoniten ist die Landwirtschaft

Die Mennoniten in St. Jacobs haben zwar eine eigene Schule bis zur achten Schulstufe, aber danach hat man sich nur noch durch tatkräftige Arbeit in der Landwirtschaft weiter zu bilden. Sollte sich ein Mennonit theoretisch für ein weiterführendes Studium an einer Hochschule oder Universität entscheiden, würde ihn die Gemeinschaft verstoßen.

Und eine mennonitische Frau kann zwar als Lehrerin arbeiten, aber nur unter der Bedingung, dass sie alleinstehend ist. Mit einer Hochzeit wird sie sozusagen aus dem Berufsleben ausgeschlossen, da sie sich fortan nur noch den Aufgaben zu Hause zu widmen hat. „Die Unterrichtssprache in der Schule ist leider ausschließlich Englisch”, bedauert Wesley. Den von den Mennoniten gesprochenen deutschen Dialekt gibt es in Schriftform nicht, und modernes Deutsch zu lernen wäre einerseits ein zu großer Aufwand, andererseits nicht unbedingt zielführend für ein Leben in Kanada.

Edison würde hier in dumpfes Brüten verfallen

Die Mennoniten-Gemeinschaft, die wir hier besuchen, verwendet Strom (für Licht, Kühlschränke, Herde) und sogar Traktoren und andere landwirtschaftliche Maschinen für die Arbeit in der Landwirtschaft. Kürzlich hat man sich hier sogar dazu durchgerungen, Telefone zu benutzen. Dennoch gibt es auch hier in St. Jacobs eine ultrakonservative Gruppierung, die der Moderne gänzlich entsagt: Sie verwenden keinen Strom und ihre Felder bestellen sie immer noch mit Pflügen, vor die sie ihre Pferde spannen.

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Wo sonst auf der Welt als in den USA und Kanada hätten diese Gruppierungen so unbehelligt in ihrer altmodischen Art und ihren eigenen religiösen Ansichten leben können? Ihre oft viele Kilometer auseinanderliegenden Gehöfte sind oft so abgeschieden, wie sie es in Europa nie sein könnten. Und genau diese Abgeschiedenheit ermöglichte es ihnen, die traditionelle Lebensweise und den alten Dialekt zu erhalten. Und obwohl gerade sie am meisten Wert auf Ruhe und Abgeschiedenheit legen sind es paradoxerweise ausgerechnet die konservativsten Mennoniten, die am meisten Neugier hervorrufen. Mit aller Macht stemmen sie sich gegen die mannigfaltigen Versuchungen der modernen Zeit. Und nicht ganz zu Unrecht stellen sie fest: „Es gibt keine Beweise dafür, dass ein sogenannter moderner Lebensstil wirklich besser ist oder glücklicher macht.“

Nach einem wunderschönen und hochinteressanten Tag verabschieden wir uns schweren Herzens von Wesley, der uns noch eine Bitte mit auf den Weg gibt: “Denkt immer daran: Auch wir sind nur ganz normale Menschen so wie ihr, also behandelt uns auch als solche.”

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Als der slowakische Bestseller-Autor Gustav Murin einmal an einem schlechten Wintertag auf einer Straße in der slowakischen Hauptstadt, Bratislava, festsaß, begann er zu überlegen, wie Kanadier mit so einer Situation umgehen würden. Er veröffentlichte seinen Blog am 22. Januar 2013 und verwies seine Leser auf Maros Mennoniten-Geschichte “Verlorene Welt”, als er sich scherzhaft vorstellte, dass die von Mennoniten-Pferden gezogenen Einspänner im tiefen Schnee kein Problem gehabt hätten. Er schrieb: “Ein Freund und Landsmann von mir, Maros Handzak, der eine interessante Gemeinschaft von Menschen in Kanada besuchte und diese “Verlorene Welt” nannte, weiß die Antworten auf diese Fragen. Er gibt des weiteren ein außergewöhnliches Beispiel an, wie man Autounfälle auf vereisten Straßen vermeiden kann. Sie müssen einen von Pferden gezogenen Einspänner benutzen! Und es funktioniert! Hier ist der Beweis.”

 Diese Geschichte wurde in der Zeitschrift Plus 7 dní in der Ausgabe vom 13. März 2009 veröffentlicht. Plus 7 dní (Plus 7 Tage) ist die slowakische Bestseller-Zeitschrift in der Slowakischen Republik mit mehr als 250.000 Lesern.

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